Bisphenol A: der Weg im Körper
Diese Seite zeigt den biochemischen Weg hinter dem Laborwert Bisphenol A (BPA): welche Stationen aufeinander folgen, welche Enzyme den Schritt machen und welche Cofaktoren sie dafür brauchen. Jede Aussage hat eine Quelle. Die Seite beschreibt allgemeines Lehrbuchwissen und sagt nichts über einen einzelnen Menschen.
Kurz erklärt
Bisphenol A (BPA) ist ein Industriestoff aus Polycarbonat-Kunststoffen und Dosenbeschichtungen, der vor allem über Lebensmittel in den Körper gelangt. Die Leber bindet ihn an Glucuronsäure, die Nieren scheiden ihn binnen eines Tages aus; frei bindet er an Östrogenrezeptoren.
9 Stationen · 7 QuellenGrafik seitlich wischen
Der Weg Schritt für Schritt
An jeder Station steht, was der Stoff dort tut. Drei Zeichen: ↑ liefert — baut auf oder stellt bereit · ↓ zehrt — hemmt, verbraucht oder entzieht · ↕ beides, je nach Menge. Dahinter steht, worauf die Aussage beruht: gesicherte Physiologie, in Studien beobachtet oder umstritten. Die Zeichen bewerten nicht; sie benennen die Richtung.
- Polycarbonat, Harze → BPA in Lebensmitteln Übergang bei Wärme
Über Lebensmittel und Getränke gelangt BPA vor allem in den Körper. Das ist der Hauptweg der Aufnahme. Quelle 1↑ liefert Lebensmittel liefern den größten Teil des BPA, das in den Körper gelangt; Staub und Hautkontakt tragen weniger bei.
in Studien beobachtet Quelle 1
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Wird mehr belastete Nahrung gegessen, steigt die ausgeschiedene Menge im Urin in den folgenden Stunden.
zu wenig — Wird wenig davon gegessen, sinkt BPA im Urin innerhalb eines Tages.
in Studien beobachtet · Quelle 1, 2
- BPA in Lebensmitteln → Aufnahme im Darm
BPA wird im Darm fast vollständig aufgenommen und gelangt mit dem Pfortaderblut zuerst zur Leber. Quelle 2↑ liefert Der Weg über die Pfortader liefert BPA zuerst an die Leber, bevor es den übrigen Körper erreicht. Dort wird der größte Teil sofort gebunden.
gesicherte Physiologie Quelle 2
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Kommt viel BPA auf einmal an, bindet die Leber dennoch den größten Teil schon beim ersten Durchgang.
zu wenig — Kommt wenig an, entsteht entsprechend wenig BPA-Glucuronid.
gesicherte Physiologie · Quelle 2
- BPA in der Leber → BPA-Glucuronid UGT2B15 · UDP-Glucuronsäure
BPA-Glucuronid ist wasserlöslich und bindet nicht an Östrogenrezeptoren. Es gelangt ins Blut und von dort in den Urin. Quelle 2, 1↓ zehrt Die Bindung an Glucuronsäure nimmt BPA die hormonähnliche Wirkung und macht es über die Nieren ausscheidbar.
gesicherte Physiologie Quelle 1, 2
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Wird viel BPA gebunden, steigt BPA-Glucuronid im Blut kurz an und wird rasch ausgeschieden.
zu wenig — Wird wenig gebunden, bleibt mehr BPA frei.
gesicherte Physiologie · Quelle 2
- BPA-Glucuronid → BPA im Urin über die Nieren
Fast alles BPA verlässt den Körper innerhalb eines Tages als Glucuronid im Urin. Im Labor wird die Bindung gelöst und das gesamte BPA gemessen. Quelle 2↓ zehrt Die Nieren entziehen dem Körper BPA-Glucuronid zügig; deshalb beschreibt der Wert im Urin vor allem die Aufnahme der letzten Stunden bis Tage.
gesicherte Physiologie Quelle 2
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Wurde zuletzt viel BPA aufgenommen, steigt die Menge im Urin; einige Stunden später fällt sie wieder.
zu wenig — Wurde zuletzt wenig aufgenommen, ist im Urin wenig BPA zu finden, auch wenn früher mehr aufgenommen wurde.
gesicherte Physiologie · Quelle 2
- BPA in der Leber → Freies BPA im Blut
Ein kleiner Teil des BPA bleibt ungebunden im Blut. Nur diese freie Form kann an Hormonrezeptoren binden. Quelle 2, 5↕ beides, je nach Menge Freies BPA ähnelt Östradiol und kann dessen Rezeptoren besetzen; je nach Gewebe und Menge wirkt es dort anregend oder hemmend.
in Studien beobachtet Quelle 5
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Ist mehr freies BPA im Blut, sind mehr Rezeptoren besetzt.
zu wenig — Bleibt kaum freies BPA übrig, weil die Leber fast alles bindet, kommt an den Rezeptoren wenig an.
in Studien beobachtet · Quelle 5, 2
- Über die Haut → Freies BPA im Blut
Ein kleiner Teil des BPA bleibt ungebunden im Blut. Nur diese freie Form kann an Hormonrezeptoren binden. Quelle 2, 5↕ beides, je nach Menge Freies BPA ähnelt Östradiol und kann dessen Rezeptoren besetzen; je nach Gewebe und Menge wirkt es dort anregend oder hemmend.
in Studien beobachtet Quelle 5
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Ist mehr freies BPA im Blut, sind mehr Rezeptoren besetzt.
zu wenig — Bleibt kaum freies BPA übrig, weil die Leber fast alles bindet, kommt an den Rezeptoren wenig an.
in Studien beobachtet · Quelle 5, 2
- Freies BPA im Blut → Östrogenrezeptoren Bindung
BPA bindet an die Östrogenrezeptoren ERα und ERβ im Zellkern und an GPER an der Zellmembran, jeweils schwächer als Östradiol. Quelle 5↕ beides, je nach Menge Über die Rezeptoren kann BPA Gene an- und abschalten und schnelle Signale in der Zelle auslösen. In Zellversuchen hängt die Wirkung stark von Menge und Zelltyp ab.
in Studien beobachtet Quelle 5
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Ist viel BPA gebunden, ahmt es an den Rezeptoren Östradiol nach oder stört dessen Signale.
zu wenig — Ist wenig gebunden, bestimmen allein die körpereigenen Hormone das Signal.
in Studien beobachtet · Quelle 5
Forschungsfeld — Die hormonähnliche Wirkung von BPA wird in Tier- und Bevölkerungsstudien zur Fortpflanzung untersucht. Quelle 7
Weitere Stationen
- Polycarbonat, Harze — Flaschen, Dosenbeschichtung
Bisphenol A ist Baustein von Polycarbonat-Kunststoffen und Epoxidharzen, etwa in Innenbeschichtungen von Konservendosen. Früher steckte es auch in Thermopapier. Quelle 1↑ liefert Die Bindungen im Kunststoff sind nicht ganz stabil: Wärme, Säure und Alterung lösen einzelne BPA-Moleküle heraus, die in Lebensmittel übergehen.
in Studien beobachtet Quelle 1
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Werden Behälter erhitzt oder lange gelagert, gehen mehr Moleküle in den Inhalt über.
zu wenig — Kommen Lebensmittel kaum mit solchen Materialien in Berührung, gelangt wenig BPA hinein.
in Studien beobachtet · Quelle 1
- Über die Haut — z. B. Thermopapier
Aus Thermopapier kann BPA über die Haut aufgenommen werden, verstärkt, wenn die Hände fettig oder mit Desinfektionsmittel benetzt sind. Dieser Weg umgeht die Leber zunächst. Quelle 4↑ liefert Über die Haut aufgenommenes BPA gelangt ohne Umweg über die Leber ins Blut; ein größerer Anteil liegt dort zunächst ungebunden vor.
in Studien beobachtet Quelle 4
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Wird Thermopapier mit benetzten Händen angefasst, steigt freies BPA im Blut stärker an als bei gleicher Menge über die Nahrung.
zu wenig — Ohne solchen Hautkontakt stammt BPA im Körper fast nur aus der Nahrung.
in Studien beobachtet · Quelle 4
- BPA in der Leber — erster Durchgang
In der Leberzelle wird BPA vor allem vom Enzym UGT2B15 an Glucuronsäure gebunden. Dafür braucht es UDP-Glucuronsäure. Quelle 3↓ zehrt Die Leber entzieht dem Blut beim ersten Durchgang den größten Teil des aufgenommenen BPA, indem sie es an Glucuronsäure bindet.
gesicherte Physiologie Quelle 3, 2
⚖ Wenn das Gleichgewicht kippt
zu viel — Kommt BPA schneller an, als UGT2B15 es bindet, erreicht mehr freies BPA den Kreislauf.
zu wenig — Arbeiten Varianten von UGT2B15 langsamer, wird BPA in Leberproben langsamer gebunden.
in Studien beobachtet · Quelle 3
Cofaktoren dieses Weges
- UDP-Glucuronsäure — Liefert den Zuckerrest, den UGT2B15 an BPA hängt; so wird es wasserlöslich und hormonell unwirksam Quelle 3
- NAD⁺ — Cofaktor der UDP-Glucose-Dehydrogenase, die aus UDP-Glucose die UDP-Glucuronsäure bildet Quelle 6Im ORY-Katalog als Laborwert: NAD⁺ (Nicotinamidadenindinukleotid)
- Glucose — Ausgangsstoff der UDP-Glucuronsäure; über UDP-Glucose entsteht der Zuckerrest für die Bindung Quelle 6
- Estradiol — Körpereigener Partner der Östrogenrezeptoren, an die auch freies BPA bindet; Estradiol bindet weit fester Quelle 5Im ORY-Katalog als Laborwert: Estradiol (E2)
Quellen
- Vandenberg LN, Hauser R, Marcus M et al. Human exposure to bisphenol A (BPA). Reprod Toxicol 2007 · PubMed 17825522
- Völkel W, Colnot T, Csanády GA et al. Metabolism and kinetics of bisphenol a in humans at low doses following oral administration. Chem Res Toxicol 2002 · PubMed 12387626
- Street CM, Zhu Z, Finel M et al. Bisphenol-A glucuronidation in human liver and breast: identification of UDP-glucuronosyltransferases (UGTs) and influence of genetic polymorphisms. Xenobiotica 2017 · PubMed 26999266
- Hormann AM, Vom Saal FS, Nagel SC et al. Holding thermal receipt paper and eating food after using hand sanitizer results in high serum bioactive and urine total levels of bisphenol A (BPA). PLoS One 2014 · PubMed 25337790
- Acconcia F, Pallottini V, Marino M. Molecular Mechanisms of Action of BPA. Dose Response 2015 · PubMed 26740804
- Egger S, Chaikuad A, Kavanagh KL et al. UDP-glucose dehydrogenase: structure and function of a potential drug target. Biochem Soc Trans 2010 · PubMed 20863317
- Siracusa JS, Yin L, Measel E et al. Effects of bisphenol A and its analogs on reproductive health: A mini review. Reprod Toxicol 2018 · PubMed 29925041
Stand 2026-10-05. Entwurf, von Claude nach Schema v2 geschrieben; Quellen in PubMed geprüft; fachliche Freigabe offen
Impressum
Datenschutz
Alle Biomarker