Bisoprolol: der Weg im Körper
Diese Seite zeigt den biochemischen Weg des Wirkstoffs Bisoprolol: wo er im Körper ankommt, an welcher Stelle er eingreift und welche Schritte davon berührt werden. Jede Aussage hat eine Quelle. Die Seite beschreibt allgemeines Lehrbuchwissen und sagt nichts über einen einzelnen Menschen.
Kurz erklärt
Bisoprolol ist ein Betablocker. Es setzt sich in die Bindetasche des β₁-Rezeptors, in der sonst Noradrenalin sitzt. Beide teilen sich dieselbe Tasche: Solange Bisoprolol darin sitzt, läuft die Kette bis zum cAMP langsamer an.
Worum es geht
Der β₁-Rezeptor sitzt nicht nur am Herzen. Überall, wo er sitzt, läuft dieselbe Kette ab:
- Noradrenalin bindet am β₁-Rezeptor. Das gekoppelte Gs-Protein schaltet die Adenylatcyclase an, und aus ATP entsteht der Botenstoff cAMP.
- Am Sinusknoten bindet cAMP unmittelbar an die HCN-Kanäle. Sie geben den Takt des Herzens vor.
- In der Zirbeldrüse schaltet cAMP über die Proteinkinase A den Regler CREB an. Daraufhin nimmt die Menge des Enzyms AANAT in der Nacht zu.
- Die AANAT macht aus Serotonin N-Acetylserotonin, und das Enzym ASMT daraus Melatonin. Der AANAT-Schritt ist der langsamste dieser Kette.
Bisoprolol besetzt die Bindetasche des β₁-Rezeptors. Besetzt ist die Bindetasche, verändert ist der Rezeptor nicht: Dieselbe Kette läuft an beiden Orten langsamer an, und Noradrenalin bewirbt sich weiter um dieselbe Stelle. Für Betablocker ist eine geringere nächtliche Melatonin-Abgabe beschrieben: In einer Studie an gesunden Freiwilligen senkten nur die beta-blockierenden Formen von Propranolol und Atenolol das nächtlich ausgeschiedene Abbauprodukt des Melatonins. In einem späteren Vergleich dreier Wirkstoffe fiel die nächtliche Melatonin-Abgabe unter Bisoprolol geringer aus, unter Carvedilol und Nebivolol nicht.
Was das im Einzelfall bedeutet, hängt von vielen Dingen ab und gehört in ein Gespräch mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Heilpraktikerin.
Grafik seitlich wischen
Der Weg Schritt für Schritt
- Bisoprolol → Aufnahme im Dünndarm Aus dem Dünndarm tritt der Stoff ins Blut über. Die Fachinformation nennt für den aufgenommenen Anteil rund vier Fünftel der geschluckten Menge und hält fest, dass Essen daran nichts ändert. Quelle 10
- Aufnahme im Dünndarm → Im Blut unterwegs Im Blut ist nur ein kleiner Teil an Eiweiß gebunden; der Rest liegt frei vor und erreicht die Gewebe. β₁-Rezeptoren sitzen unter anderem am Herzen und an der Zirbeldrüse. Quelle 10, 4
- Im Blut unterwegs → Ausscheidung Etwa die Hälfte verlässt den Körper unverändert über den Harn, die andere Hälfte wird in der Leber zu unwirksamen Abbauprodukten umgebaut. Das Enzym CYP2D6 ist daran nicht beteiligt. Quelle 10
- β₁ am Sinusknoten → cAMP und HCN-Kanäle Adenylatcyclase · Gs-Protein, Mg-ATP Die Adenylatcyclase macht aus ATP den Botenstoff cAMP. cAMP bindet unmittelbar an die HCN-Kanäle des Sinusknotens; je mehr davon gebunden ist, desto rascher folgt der nächste Schlag. Quelle 3
- β₁ an der Zirbeldrüse → cAMP im Pinealozyten Adenylatcyclase · Gs-Protein, Mg-ATP Auch hier schaltet das Gs-Protein die Adenylatcyclase an, und es entsteht cAMP. Die α₁-Rezeptoren wirken dabei mit, tragen den Anstieg aber nicht allein. Quelle 4, 1
- cAMP im Pinealozyten → AANAT PKA und CREB cAMP schaltet die Proteinkinase A an, diese den Regler CREB. Daraufhin nimmt die Menge des Enzyms AANAT in der Nacht zu. Wegen dieses Gangs trägt es den Beinamen Timezyme. Quelle 4, 5
- AANAT → N-Acetylserotonin AANAT · Acetyl-CoA Die AANAT hängt eine Acetylgruppe von Acetyl-CoA an Serotonin. Wie viel AANAT gerade vorhanden ist, bestimmt, wie viel N-Acetylserotonin in der Nacht entsteht. Quelle 5
- N-Acetylserotonin → Melatonin ASMT · SAM Das Enzym ASMT überträgt eine Methylgruppe von SAM auf N-Acetylserotonin. Melatonin verlässt die Zirbeldrüse und verteilt sich über das Blut im Körper. Quelle 4, 5
- Tryptophan → Serotonin TPH, dann AADC · Eisen und BH4, Vit. B6 (PLP) Zwei Enzyme führen dorthin: Die Tryptophan-Hydroxylase mit Eisen und BH4 hängt eine OH-Gruppe an, dann nimmt die AADC mit Pyridoxalphosphat eine Carboxylgruppe ab. Quelle 8, 9
Was am β₁-Rezeptor hängt
- Noradrenalin — Bindet am β₁-Rezeptor; Bisoprolol besetzt dieselbe Bindetasche und sitzt dort an seiner Stelle Quelle 1, 10
- Melatonin — Die Zirbeldrüse regelt AANAT über β₁-Rezeptoren; unter Betablockern ist eine geringere nächtliche Abgabe beschrieben Quelle 4, 6, 7
Was an diesen Schritten beteiligt ist
- Tryptophan — Aminosäure am Anfang der Kette: aus ihr entsteht Serotonin und daraus in der Zirbeldrüse Melatonin Quelle 4
- Serotonin — Ausgangsstoff der AANAT: aus Serotonin entsteht N-Acetylserotonin Quelle 5
- Vitamin B6 — Als Pyridoxalphosphat Cofaktor der AADC, die aus 5-HTP Serotonin macht Quelle 9
- Acetyl-CoA — Liefert der AANAT die Acetylgruppe für N-Acetylserotonin Quelle 5
- SAM (aus Methionin) — Methylgruppen-Spender der ASMT, die N-Acetylserotonin zu Melatonin umbaut Quelle 4, 5
- ATP — Die Adenylatcyclase macht daraus cAMP, den Botenstoff hinter dem β₁-Rezeptor Quelle 1, 3
Was die Fachinformation nennt
Zwei Studien in den Vereinigten Staaten mit Scheinpräparat. Aufgeführt ist die Teilgruppe im üblichen Mengenbereich: 273 Erwachsene unter Bisoprolol, 132 unter dem Scheinpräparat. Genannt sind die Ereignisse, die bei mindestens 1 von 100 Teilnehmern der Bisoprolol-Gruppe auftraten — unabhängig davon, ob ein Zusammenhang mit dem Wirkstoff angenommen wurde. Die Zahlen gelten für diese Studien.
So liest sich die Tabelle: Entscheidend ist der Vergleich in der Zeile, nicht die einzelne Zahl. Bei Kopfschmerz, Schwindel, Husten und Schlaflosigkeit liegt die Zahl unter dem Scheinpräparat höher als unter Bisoprolol. Deutlich auseinander gehen die beiden Spalten nur bei der Müdigkeit. Eine dritte Spalte mit einem anderen Arzneimittel gibt es hier nicht — diese Fachinformation vergleicht allein gegen das Scheinpräparat.
| Bisoprolol (273) | Scheinpräparat (132) | |
|---|---|---|
| Kopfschmerz | 8,8 % | 11,4 % |
| Müdigkeit | 6,6 % | 1,5 % |
| Infekt der oberen Atemwege | 4,8 % | 3,8 % |
| Wassereinlagerung | 3,7 % | 3,8 % |
| Schwindel | 2,9 % | 3,8 % |
| Schnupfen | 2,9 % | 3,0 % |
| Durchfall | 2,6 % | 1,5 % |
| Husten | 2,6 % | 4,5 % |
| Gelenkschmerz | 2,2 % | 2,3 % |
| Rachenentzündung | 2,2 % | 2,3 % |
| Nasennebenhöhlenentzündung | 2,2 % | 1,5 % |
| Übelkeit | 1,5 % | 1,5 % |
| Schlaflosigkeit | 1,5 % | 2,3 % |
| Erbrechen | 1,1 % | 0 % |
| Missempfindung der Haut | 1,1 % | 0,8 % |
| Atemnot | 1,1 % | 0,8 % |
| Brustschmerz | 1,1 % | 0,8 % |
In denselben Studien beendeten 3,3 von 100 Teilnehmern unter Bisoprolol die Anwendung wegen eines Ereignisses und 6,8 von 100 unter dem Scheinpräparat. Über alle weltweiten Studien und die Meldungen nach der Zulassung führt die Fachinformation eine lange Liste weiterer Ereignisse auf, darunter Schlafstörungen und lebhafte Träume. Für die Meldungen nach der Zulassung weist sie darauf hin, dass sich daraus weder eine Häufigkeit noch ein ursächlicher Zusammenhang ableiten lässt; deshalb stehen sie hier nicht als Liste.
Quellen
- Motiejunaite J, Amar L, Vidal-Petiot E. Adrenergic receptors and cardiovascular effects of catecholamines. Ann Endocrinol (Paris) 2021 · PubMed 32473788
- Taddei S, Tsabedze N, Tan RS. β-blockers are not all the same: pharmacologic similarities and differences, potential combinations and clinical implications. Curr Med Res Opin 2024 · PubMed 38597065
- DiFrancesco D. The funny current: cellular basis for the control of heart rate. Drugs 2007 · PubMed 17999560
- Simonneaux V, Ribelayga C. Generation of the melatonin endocrine message in mammals: a review of the complex regulation of melatonin synthesis by norepinephrine, peptides, and other pineal transmitters. Pharmacol Rev 2003 · PubMed 12773631
- Klein DC. Arylalkylamine N-acetyltransferase: "the Timezyme". J Biol Chem 2007 · PubMed 17164235
- Stoschitzky K, Sakotnik A, Lercher P et al. Influence of beta-blockers on melatonin release. Eur J Clin Pharmacol 1999 · PubMed 10335905
- Stoschitzky K, Stoschitzky G, Brussee H et al. Comparing beta-blocking effects of bisoprolol, carvedilol and nebivolol. Cardiology 2006 · PubMed 16679760
- Roberts KM, Fitzpatrick PF. Mechanisms of tryptophan and tyrosine hydroxylase. IUBMB Life 2013 · PubMed 23441081
- Paiardini A, Giardina G, Rossignoli G et al. New Insights Emerging from Recent Investigations on Human Group II Pyridoxal 5'-Phosphate Decarboxylases. Curr Med Chem 2017 · PubMed 27881066
- US-Fachinformation (Vereinigte Staaten): Bisoprolol Fumarate Tablets, USP, DailyMed, Fassung vom 21.04.2026, Abschnitte DESCRIPTION und CLINICAL PHARMACOLOGY (Pharmacokinetics and Metabolism, Pharmacodynamics) · Fachinformation
- US-Fachinformation (Vereinigte Staaten): Bisoprolol Fumarate Tablets, USP, DailyMed, Fassung vom 21.04.2026, Abschnitt ADVERSE REACTIONS · Fachinformation
Stand 2026-09-25. Entwurf, von Claude nach Schema v2 geschrieben; Quellen in PubMed geprüft; fachliche Freigabe offen
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